Tornadische Superzelle in Norditalien am 29.08.2020
Am 29. August 2020 blickten viele Stormchaser aus ganz Europa nervös auf die Entwicklung ab dem frühen Nachmittag, denn die Parameter deuteten auf die Entwicklung potenziell gefährlicher Superzellen mit einem deutlich erhöhten Tornadorisiko in Norditalien. Auch wir waren mit mehreren Teams in der Po-Ebene unterwegs und konnten am frühen Nachmittag dann tatsächlich die Tornadogenese einer sehr kräftigen und langlebigen Superzelle zwischen Mantova und Verona dokumentieren. Hierbei handelte es sich um ein einzigartiges Superzellenereignis, welches in Europa in der beobachteten Intensität nur äußerst selten auftritt. Angesichts der kritischen Parameter (z.B. SRH 0-1km) war die Region um Verona jedoch noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen, da im Zuge dieser gefährlichen Superzelle auch die Bildung eines stärkeren Tornados (EF3+) möglich gewesen wäre
Synoptische Ausgangsbedingungen
Mit Annäherung eines Trogs und der korrespondierenden Kaltfront gelangten große Teile Norditaliens in den Einflussbereich eines starken Mid-Level-Jets. Im Fokus standen am Samstag die außergewöhnlich guten kinematischen Verhältnisse im Warmluftsektor, welche die Entwicklung sehr organisierter Zellen (Mesozyklonen bzw. Superzellen) begünstigten. Neben einer hochreichenden Scherung in 0-6km (Deep-layer shear) von 20-25 m/s rückten insbesondere die hohen SRH-Werte in den Vordergrund. Die SRH ist ein Kombinationswert der Geschwindigkeits- und Richtungsscherung und zeigt das Potenzial einer zyklonalen Aufwindrotation. In Abhängigkeit des Ausmaßes der Rotation der aufwärts steigenden Luftmasse kann abgeleitet werden, inwieweit das Risiko einer Superzellenbildung bzw. einer organisierten Konvektion vorliegt. Überschreitet der Wert den Bereich von 150 m²/s², muss mit einem erhöhten Risiko einer Tornadobildung gerechnet werden. Zahlreiche konvektionserlaubende Modelle (WRF, SuperHD und EZ4) simulierten für den 29. August SRH-Werte zwischen 250 m²/s² und 500 m²/s² (0-3km). Ergänzt werden sollte dies durch SRH-Werte in 0-1km von bis zu 400 m²/s², was auf ein erhöhtes Potenzial von tornadischen Superzellen schließen ließ.
Präkonvektive Verhältnisse
Bereits am frühen Morgen entwickelten sich quasi-stationäre Schwergewitterzellen am Golf von Genua, welche schwere Überschwemmungen und Wasserhosen über Genua produzierten. Der entsprechende Eisschirm reichte um etwa 10 Uhr bis nach Brescia und unterband in dieser Region die erforderliche solare Einstrahlung. Ab einer Linie von Parma bis Bassano del Grappa herrschte nur leichte Bewölkung und es konnte nach und nach eine zusätzliche Labilisierung stattfinden. Die Lufttemperaturen bewegten sich um 12 Uhr zwischen 30°C bei Parma und 28°C in den Regionen Verona, Mantova und Vicenza. Hinzu kamen hohe Taupunkte um 21°C, die höchsten Taupunkte fanden sich um Vicenza mit 23°C. Hinzu kamen bodennahe Südostwinde, welche den Zustrom feuchtlabiler Luftmassen aus der Adriaregion gewährleisteten. Bei Betrachtung der 12z-Soundings in Norditalien konnte gut das sehr gute Scherungsumfeld erkannt werden. Der Aufstieg von Mailand lieferte den Nachweis sehr großer Helizitätswerte von 426 m²/s² und einer Scherung in 0-6km von 21 m/s. Der Aufstieg von Udine zeigte zwar deutlich niedrigere Helizitätswerte (149 m²/s²), jedoch eine stärkere hochreichende Scherung von 23 m/s. Dass sich die Hauptaktivität eher auf die Friuli Plains konzentrieren würde, konnte zudem am deutlich besseren Overlap in dieser Region erkannt werden. So zeigte das Udine-Sounding SB-CAPE um 2.300 J/kg, während der Wert in Mailand mit knapp 500 J/kg deutlich niedriger lag.
Die Superzelle zwischen Mantova und Vicenza
Um 13 Uhr reichte ein breites Niederschlagsband von Ligurien bis zum Gardasee, in welchem bereits zahlreiche kräftigere Gewitterzellen inkludiert waren. Zu diesem Zeitpunkt bildete sich bei Parma eine auffällige Entwicklung, welche sich am östlichen Rand des Niederschlagsgebiets zunehmend isolierte und bereits nach kurzer Zeit eine Tendenz zum Ausscheren entwickelte. Spätestens ab 13:30 Uhr handelte es sich um eine vollentwickelte klassische Superzelle mit einer ausgeprägten und rotierenden Wallcloud. Diese profitierte entscheidend von den bodennahen Südostwinden, welche die Superzelle kontinuierlich mit der feuchtlabilen Adrialuft versorgten. Ein hochreichender rotierender Aufwind sorgte ab Mantova für Großhagel zwischen 5 und 7 Zentimeter. Die Superzelle bewegte sich unter Verstärkung weiter nordostwärts und entwickelte zunehmend tornadische Charakteristika. Zwischen Castelbelforte und Trevenzuolo (zwischen Mantova und Verona) konnte von mehreren Chasingteams um etwa 14:40 Uhr der erste Touchdown eines Tornados beobachtet werden.
Der Tornado bewegte sich für einige Minuten am Boden und sorgte wenig später für größere Schäden in der Ortschaft Buttapietra. Im weiteren Verlauf streifte die tornadische Superzelle die südöstlichen Teile von Verona und scherte zunehmend in Richtung Vicenza aus. Kontrastverstärkte Bilder der Sturmjäger NRW legen nahe, dass die Zelle zu diesem Zeitpunkt einen weiteren Tornado bei Colognola ai Colli entwickelte. Knapp östlich von Verona wandelte sich die Gestalt der Zelle von einer klassischen hin zu einer sehr niederschlagsintensiven HP-Superzelle, das Ausscheren war ab diesem Zeitpunkt beachtlich. Die Zelle streifte im weiteren Verlauf die nordwestlichen Teile Vicenzas und bewegte sich nun auf Bassano del Grappo zu. Um etwa 16:30 schwächte sich die Zelle mit Erreichen des Berglands zunehmend ab.
Bewertung und Warnmanagement
Estofex veröffentlichte am Abend des 28. August einen Level-3-Forecast aufgrund der erhöhten Gefahr von tornadischen Superzellen. Besonders der östliche Teil des eingegrenzten Level-3-Gebiets war letztendlich tatsächlich von einem wahren Superzellen-Outbreak betroffen, wobei teilweise mehrere Superzellen innerhalb kürzester Zeit über dieselben Ortschaften zogen. Dahingehend kann das Warnmanagement als gelungen betrachtet werden. Die stärkste Superzelle betraf selbstredend die Region von Mantova bis Vicenza, wo innerhalb der dreistündigen Lebenszeit auch die stärksten Schäden durch Tornados, Großhagel und Downbursts auftraten. Summa summarum handelte es sich hierbei um ein einzigartiges Superzellenereignis, welches in Europa in der beobachteten Intensität nur äußerst selten auftritt. Angesichts der kritischen Parameter (z.B. SRH 0-1km) ist die Region um Verona jedoch noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen, da im Zuge dieser gefährlichen Superzelle auch die Bildung eines stärkeren Tornados (EF3+) möglich gewesen wäre.